Donnerstag, 3. März 2011

Gräbt der Bund dem Tourismus in der Mecklenburgischen Seenplatte das Wasser ab?

Bisher weitgehend unbemerkt von der betroffenen Öffentlichkeit plant Bundesverkehrs-minister Ramsauer (CSU) eine Reform der Schifffahrtsverwaltung des Bundes. Dafür mag es Anlass und Grund geben, aber mit dem im Januar 2011 vorgelegten Papier drohen tiefe Einschnitte und nachhaltig negative Folgen für die Tourismuswirtschaft ausgedehnter Reisegebiete in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.
Dieses Vorhaben ist der harte Kern im Umsetzungsprozess der Bundestagsinitiative „Infrastruktur und Marketing für den Wassertourismus in Deutschland verbessern“. Ausgerechnet! Der Bund will die Verantwortung für jene Wasserstraßen abgeben, die eine geringe Bedeutung für die Transportwirtschaft haben. Es liegt auf der Hand, dass Länder, Kreise und Kommunen nicht die Unterhaltung dieser Gewässer und schon gar nicht Investitionen in den Ersatz maroder Schleusen und Wehre finanzieren können.
Wenn der Bund sich dieses Teils seiner Daseinsvorsorge entledigen sollte, drohen ganze Fahrtgebiete wegen verlandender Fahrrinnen oder stillgelegter Schleusen abgekoppelt zu werden. Liegen Wesenberg und Neustrelitz, Lychen, Templin und Rheinsberg zukünftig an für Sportboote unzugänglichen Restgewässern? Damit wäre die Attraktivität der Havel ebenfalls dahin, weil erst die Verzweigungen die besonders hohe Attraktivität schaffen.
Mit vorgeblich volkswirtschaftlicher Argumentation wird im „Vierten Meilensteinbericht“ abgeschätzt, ab welchem Ausmaß der Zusammenbruch regionaler Tourismuswirtschaft eine Investition, etwa in eine neue Schleuse, „rechtfertigen“ würde. Ein sachlich unzulässig verkürzter und im Ergebnis zynisch wirkender Ansatz.
Verbunden wird diese Kahlschlagperspektive mit der nicht weniger beunruhigenden Aussicht, Aufgaben zu privatisieren und „Nutzer“ an Kosten zu beteiligen. Besitzer von Stegen und Schuppen sollen 1,2 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich abgeben. Sportboot-fahrer sollen mit einer Vignette ebenfalls zur Kasse gebeten werden. Folgt nach dieser Art Maut für Wasserurlauber dann auch die für Radfahrer, Wanderer und Strandlieger?!
Leistungsabbau, Abschiebung der Verantwortung für touristisch wertvolle Gebiete – und dann der Griff ins Portemonnaie der Sportbootfahrer und Gewässeranlieger. Das ist Chuzpe. Es droht ein massiver Angriff auf die sich in strukturschwachen Gebieten des nordost-deutschen Seenlandes entwickelnde Tourismuswirtschaft.
Die geplante Reform der Schifffahrtsverwaltung bedroht Europas größtes Wassersportrevier. Alle betroffenen Gebietskörperschaften, Unternehmen, Vereine, Verbände und Privat-personen mögen sich rasch informieren, die Situation aufklären und ihre Stimme erheben.
Fürstenberg/Havel, den 01.03.2011 Michael Wittke

Kommentare:

  1. Ich habe mir den - sehr langen - 4. Meilensteinbericht nun einmal gründlich durchgelesen. Wenn ich das richtig verstehe, kommt diese Region eigentlich noch gut dabei weg. Wenn irgendwo in Deutschland die notwendigen Nutzerzahlen zur Rechtfertigung von weiteren Investitionen vorgewiesen werden können, dann in Ostdeutschland.
    Da frage ich mich, ob es klug ist, "die Stimme" gegen das Konzept zu erheben und so möglicherweise dafür zu sorgen, dass das wenige Geld für den Wassertourismus in andere Regionen Deutschlands fließt, die viel weniger darauf angewiesen sind, als wir!
    Rampa

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  2. Hallo Anonym,
    "noch gut bei weg kommen" ist nicht genug für eine Gegend, die von dieser Gegend lebt. Warum loben, was Mist ist, nur weil drumherum noch mehr Dreck liegt?! Nicht logisch und nicht vernünftig. Das ist eben Politik: Ein Minister will etwas verändern, und wir dürfen, auch anonym, sagen, wie wir das finden. Und manchmal setzt sich durch, was gut ist und richtig.
    Außerdem: die "notwendigen Nutzerzahlen" nützen NICHTS, wenn das GELD NICHT da ist. Den Punkt hast Du nicht richtig verstanden. Da fließt kein Geld automatisch wenn ein Nutzen nachgewiesen ist. In wirklichkeit ist es außerdem umgekehrt, man kalkuliert mit dem SCHADEN, lies nochmal nach. Welche Kommune, welcher Kreis und welches Land wird eine Schleuse Himelpfort offenhalten, wenn sie dafür kein Geld hat? Wer baut Steinhavelmühle für drei, vier Millionen neu? Wache auf, Anonym, und argumentiere nicht wie ein getretener Hund jault, der froh ist, dass Herrchen ihn nicht erschlagen hat.

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  3. Möglicherweise habe ich nicht alles so gut verstanden, wie Du - aber eines schwant mir wie Dir, nämlich dass es um Geld geht, das nicht da ist.
    Bei den Zahlen, die Du für eine einzige Schleuse nennst, geht es sogar um sehr, sehr viel Geld, das nicht da ist. Da sollte meiner Meinung nach schon bedacht werden, wie man das Geld, das nicht da ist, einsetzt und wer davon profitiert.
    Aber sicher bist Du dafür, dass zusätzlich zu den Schleusen auch die Radwege weiter ausgebaut werden und dass das Boote vermieten steuerbegünstigt (á la reduzierte Hotelsteuer der FDP!) oder besser noch staatlich gefördert wird. So wäre es nach Deiner Logik wohl vernünftig.
    In dem Bericht wird lang und breit erklärt, dass es im Grunde unmöglich ist, den Nutzen von Investitionen in Schleusen usw. zu kalkulieren. Als Ausweg wurde daher kalkuliert, wie hoch der NUTZEN einer Investition mindestens sein müsste, damit sich die Investition lohnt. Nach dieser Methode schneiden die ostdeutschen Reviere vergleichsweise gut ab.
    Wo Du so ein Frühaufsteher bist, hast Du sicher einen besseren Ansatz, der auch belegt, das die zusätzlichen Schleusen und Radwege nicht reichen, sondern dass erst ein zweites Gleis für die Draisinentouren zwischen Templin und Fürstenberg den Aufschwung bringt.
    Rampa

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  4. Den einzigen klaren Satz, den ich hier entdecke ist der, wonach die ostdeutschen Reviere vergleichsweise gut abschneiden. Aber was ist das für ein Argument und wie lautet das Votum?

    Ich empfehle die Lektüre des 5. Meilensteinberichtes, da habe ich erst nur einen Auszug einstellen können, zum Download taugt der Blog nicht (schicke mir Deine eMail-Adresse, dann schicke ich den 5. Bericht als pdf) aber in demm Auszug gehts um unser Seenland. Prüfe die Empfehlungen und frage DIch, ob das ein tolerierbares kleineres Übel wäre.

    Alles andere habe ich nicht verstanden, doppelte Gleise für Draisinen und Fahrradwege und Geld das nicht da ist, aber eingesetzt werden muss. Etwas wirr, wie es scheint.

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