Freitag, 1. April 2011

Ist Kanusport auf Bundeswasserstraßen zukünftig noch möglich?

Editorial der Zeitschrift KANU-SPORT Heft 4 Seite 3
Ist Kanusport auf Bundeswasserstraßen
zukünftig noch möglich?

Liebe Leserinnen und Leser, die Temperaturen steigen und jeden Tag ist es etwas länger hell – ideale Voraussetzungen, sich wieder ins Boot zu setzen und vom Wasser aus zu beobachten, wie sich die Natur vom Winter befreit. Viele von Ihnen werden auch jetzt und im weiteren Laufe des Jahres auf einer der  Bundeswasserstraßen paddeln, und dort die Vielfalt des Kanusports erleben. Zusätzlich wird es auch in diesem Jahr viele unterschiedliche freizeit- oder leistungssportliche Aktivitäten auf Bundeswasserstraßen geben.

Bis vor wenigen Jahren waren solche Fahrten und Veranstaltungen auf Bundeswasserstraßen relativ unkompliziert: 
Einzelfahrer wussten, dass es zwar neben den zu beachtenden Verkehrsvorschriften auch einzelne Regelungen aus Naturschutzgründen gab, konnten aber sicher sein, dass das Befahren der Gewässer nicht grundsätzlich verboten werden konnte. Und für veranstaltende Vereine reichte oftmals eine formlose Meldung beim zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamt, um eine größere Wanderfahrt oder kleine Wettkampfveranstaltung durchzuführen. Kurz formuliert: zwischen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) des Bundes und den Kanu-Vereinen bestand eine
gute, ja sogar eine sehr gute Zusammenarbeit.

Veränderte Bedingungen

Es lässt sich nicht ausmachen, seit wann es so ist – aber seit einiger Zeit ist dieses Verhältnis nicht mehr so unkompliziert. Die über den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages geforderte und durch Verwaltungsvorschriften des Verkehrsministeriums umgesetzte Erhöhung von Mieten und
Pachten für Flächen, die im Bundesbesitz liegen, ließ erstmals erkennen, dass der Staat auch die gemeinnützigen Vereine als finanzielle Einnahmequelle entdeckt hatte – auch wenn derzeit Musterklagen des Deutschen Seglerverbandes die Rechtmäßigkeit dieser Erhöhungen in Frage stellen. Hier sind die Behörden gezwungen, den Anweisungen aus Berlin zu folgen.

Im eigenen Ermessen steht es aber, Auflagen für kleine Veranstaltungen oder Wanderfahrten zu erlassen. Wer etwa die „Häufigkeit“ der Berufsschifffahrt auf der Donau kennt, wird wenig Verständnis dafür haben, wenn für die Internationale Donaufahrt (TID) neuerdings verlangt wird, an verschiedenen Stellen Wahrschauposten aufzustellen, die verhindern sollen, dass es an engen Stellen zu Begegnungsverkehr zwischen Berufsschifffahrt und TIDTeilnehmern kommt. Dieser Begegnungsverkehr ist für jeden Individualpaddler offensichtlich ungefährlich, nicht aber für den Teilnehmer an der TID – so zumindest lassen diese Auflagen vermuten.

Der DKV hat in bisher allen bekannt gewordenen Fällen von aus unserer Sicht unberechtigten Auflagen in Zusammenarbeit mit den betroffenen Kanu-Vereinen und Landesverbänden Kontakte zu den Behörden gesucht und auch in vielen Fällen zu einem Kompromiss mit beitragen können. Angesichts des Umstandes, dass Unfälle mit Kanus auf Bundeswasserstraßen zu den Ausnahmen zählen und nicht im Rahmen von Veranstaltungen erfolgen, wünscht sich der DKV etwas mehr Fingerspitzengefühl bei den zuständigen Stellen.

WSV-Reform bedroht Kanugewässer

Besonders bedrohlich scheinen aber die jüngst bekannt gewordenen Pläne des Bundesverkehrsministeriums zur Reform der WSV zu werden. Auch hier hatten die Haushälter des Deutschen Bundestages das Ministerium aufgefordert, Pläne vorzulegen, wie eine Personal- und Kosteneinsparung erfolgen könne. Was jetzt geplant wird, kann gerade Kanusport besonders betreffen: so soll sich die WSV zukünftig nur noch auf die Bundeswasserstraßen konzentrieren, die ein besonders hohes Güterverkehrsaufkommen aufweisen können oder die eine Bedeutung für Tourismus haben.

Gewässer, die diese Anforderungen nicht mehr nachweisen können, sollen in abgestufter Form nur noch einem Mindestunterhalt unterliegen oder sogar ihre Verkehrsfunktion verlieren. Die Auswirkungen werden dann sein, dass vorhandene Bootsgassen oder Sportschleusen über kurz oder lang nicht mehr nutzbar sind, Ein- und Ausstiegsstellen nicht mehr gewartet werden und Neuanlagen
nicht mehr gebaut werden. Und Gewässer, die ihre Verkehrsfunktion verlieren, sollen unter Umständen Naturschutzmaßnahmen dienen. Im Extremfall kann dies bedeuten, dass etwa einzelne Abschnitte kleinerer Bundeswasserstraßen als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden und mit einem Befahrungsverbot belegt werden, um damit Eingriffe in die Natur an anderer Stelle – etwa den Verbau der Donau – auszugleichen!

Gemeinsam gegen Einschränkungen

Der Deutsche Kanu- Verband hat gegen diese Pläne sofort protestiert. Er wird die weitere Entwicklung beobachten und zusammen mit den anderen Wassersportverbänden im Deutschen Olympischen Sportbund, aber auch mit der Bundesvereinigung Kanutouristik jede nur denkbare Gelegenheit nutzen, sich gegen diese Pläne auszusprechen. Dabei können die Kanu-Vereine im DKV uns unterstützen: sprechen Sie doch einmal Ihre Bundestags- oder Landtagsabgeordneten an, wie diese denn die Auswirkungen dieser Pläne auf den Vereinssport bewerten. Ein Musterschreiben finden Sie auf der Homepage des DKV. Gemeinsam kann es gelingen, auch zukünftig auf Bundeswasserstraßen Kanusport zu betreiben – egal ob als individuelle Fahrt oder Veranstaltung des Kanu-Vereins. Dazu müssen wir uns aber auch zu Wort melden – helfen Sie uns also bei dieser Aktion, damit wir nicht noch mehr Reviere verlieren.
Hermann Thiebes, Vizepräsident Freizeit- und Kanuwandersport

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